Krieger

Ihr Beruf ist so alt wie die Zivilisation, für ihn riskieren sie sogar ihr Leben – Krieger. In der gleichnamigen Dokumentation haben unsere Autoren Krieger unterschiedlicher Generationen getroffen. In drei Teilen sprechen die Protagonisten offen, ehrlich und schonungslos über ihre Erlebnisse vor, während und nach dem Krieg.

Teil 1: Krieger – Für Ehre und Vaterland?

Warum ziehen Menschen in den Krieg? Um diese Frage geht es im ersten Teil der Dokumentation, in dem uns unsere Krieger offen erzählen: Wie sind sie aufgewachsen, wie kam es zum ersten Kontakt zum Militär und wie haben ihre Familien darauf reagiert? Vor allem aber: Was hat sie dazu gebracht, sich für diesen Beruf zu entscheiden und dabei ihr Leben zu riskieren – und andere Menschen zu töten? Günter Lucks (87) stammt aus einem kommunistischen Elternhaus aus Hamburg. Seine Eltern sind nicht begeistert, als er 1939 der Hitlerjugend beitritt. Als gerade mal 15-Jähriger meldet er sich freiwillig für den Volkssturm, um der für ihn unerträglichen Lebenssituation im zerbombten Hamburg zu entfliehen. Im Januar 1945 wird er einem der Reichsausbildungslager gedrillt und an Waffen ausgebildet. Nach Abschluss des Lehrgangs freuen sich die Jugendlichen schon darauf, nach Hause zu fahren. Doch es kommt anders: Der gesamte Lehrgang wird der Waffen SS zugeteilt – und an die Ostfront verlegt.

Ali Bako hingegen will gar nicht kämpfen – aber die politische Situation im Nordirak zwingt ihn dazu. Er schließt sich in den 80-er Jahren als Guerillakämpfer der kurdischen Peschmerga im Kampf gegen die Unterdrückung  durch Saddam Hussein an. Während er im Untergrund lebt, werden seine Frau und seine Kinder inhaftiert – und ermordet. Er selbst flieht später nach Deutschland, bekommt politisches Asyl und gründet eine neue Familie. Als er im August 2014 von den Gräueltaten des Islamischen Staates an den Yesiden erfährt, beschließt er, noch einmal zur Waffe zu greifen. Heiko B. (Name geändert) ist  Soldat aus Überzeugung – obwohl er eigentlich aus einem pazifistischen Elternhaus stammt. Aber sein Großvater, zu dem er ein enges Verhältnis hat, erzählt ihm oft von seinen Kriegserlebnissen – und begeistert so den Jungen für alles Militärische. Er leistet seinen Grundwehrdienst ab und entscheidet sich später für eine Karriere bei der Bundeswehr. Heute ist er Leutnant – und Berufssoldat.  Ob für die Freiheit, aus Abenteuerlust, für die Karriere – die Gründe, warum Menschen in den Krieg ziehen, sind genauso unterschiedlich wie unsere Protagonisten selbst. Unterschiedliche Biographien, gemeinsame Erfahrungen: Alle unsere Krieger haben den Schrecken des Krieges aus nächster Nähe kennengelernt.

 

Teil 2: Alptraum Schlachtfeld

Im Fokus des zweiten Teils steht die Frage: Wie ist das Leben auf dem Schlachtfeld? Welche Kriegserfahrungen haben die Protagonisten gemacht? Welche Erinnerungen haben sie an den Tag, als sie den Marschbefehl bekamen und mit welchen Gefühlen sind sie in den Kampf gezogen? Der Mannheimer Heinrich Back zum Beispiel war fünf Jahre lang bei der Fremdenlegion. Nach seiner knallharten Ausbildung, die von extremem Drill und strengem Gehorsam geprägt war, kommt er nach Algerien. Das Land kämpft um die Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich. Der Algerienkrieg gilt bis heute als einer der grausamsten Kolonialkriege aller Zeiten – und Back war mittendrin. Der damals 20-Jährige bewacht die Grenze zu Tunesien, sie ist mit einem Elektrozaun gesichert. Trotzdem gelingt es den Aufständischen immer wieder den Zaun zu durchbrechen. Dann hieß es für Back kämpfen – und zwar Mann gegen Mann. Der 76-Jährige schildert seine Erinnerungen an diese Zeit ebenso eindrücklich wie Heiko B. (Name geändert). Der zweifache Familienvater ist Leutnant bei der Bundeswehr und war in zwei Auslandseinsätzen. Besonders schlimm sein letzter 2008 in Afghanistan. Die deutschen Truppen sind zu dieser Zeit an der Antiterroroperation „Enduring Freedom“ und am ISAF-Einsatz zur Stabilisierung Afghanistans beteiligt und Heiko ist als Zugführer einer Fallschirmjägertruppe dabei. Die Bundeswehr hat mehr und mehr Opfer zu beklagen. Und auch in Heikos Einheit kommt es zu Zwischenfällen, die seine anfängliche Einstellung zum Krieg und zum Töten grundsätzlich verändern. Sein einprägsamstes Erlebnis hat er, als er gemeinsam mit einer Ärztin als erster an einen Tatort kommt, an dem sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hat. Auch den 94-jährigen Ludwig Baumann prägen seine Kriegserlebnisse bis heute. Er will nicht zum Militär, doch er muss, denn Kriegsdienstverweigerern drohen in Hitlerdeutschland wegen „Wehrkraftzersetzung“ harte Strafen – oft sogar der Tod. Er wird nach Frankreich abkommandiert, kämpft zunächst in der Normandie, später wird er nach Bordeaux verlegt. Dort beschließt er zusammen mit seinem Freund Kurt Oldenburg zu desertieren. Doch die beiden werden gefasst – ein Martyrium beginnt: Sie werden gefoltert und zum Tode verurteilt. Ein Jahr sitzen sie in der Todeszelle, dann werden sie begnadigt, die Todesstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt.  Ludwig Baumann landet im berüchtigten Wehrmachtsgefängnis Torgau, wo mehr als 1300 Deserteure hingerichtet werden. Er wird einem Strafbataillon zugeteilt und muss an der Ostfront den Rückzug der deutschen Truppen schützen. Noch am Tag des Kriegsendes wird der Zug bombardiert, in dem Ludwig Baumann zurück in die Heimat fahren will. Er landet in russischer Kriegsgefangenschaft. Ob wie Ludwig Baumann im Zweiten Weltkrieg, ob auf dem Balkan oder im Irakkrieg – die Krieger haben eines gemeinsam – sie haben furchtbare Dinge erlebt.

 

Teil 3: Krieger – Schatten auf der Seele

Der Tod und das Töten, Folter und Gräueltaten, Verletzungen und Gefangenschaft – unsere Krieger haben schreckliche Dinge erlebt. Aber wie gehen sie nach ihrer Rückkehr mit diesen Erlebnissen um? Marita Hesse (Name geändert) hat hautnah erlebt, wie tragisch die Folgen des Krieges sein können. Die zweifache Mutter ist die Frau eines traumatisierten Soldaten. Sie war selbst Soldatin bei der Bundeswehr, in dieser Zeit lernt sie auch ihren Mann kennen. Er ist bei einer Spezialeinheit. Als Marineinfanterist wird er sowohl zu Lande als auch im Wasser bei zahlreichen, teilweise geheimen Auslandsmissionen eingesetzt. Während dieser Einsätze erlebt er grausame Dinge, die ihn verändern – sie machen ihn krank. Er ist aggressiv, jähzornig, von der einen auf die andere Sekunde wie ausgewechselt. Erst froh und lebendig, dann starr und kalt, oder voller Wut – er ist ein anderer Mensch. Bis die Situation in der vierköpfigen Familie eskaliert. Der Mann von Marita Hesse hat eine posttraumatische Belastungsstörung – genau wie Christian Bernhardt. Der 39-Jährige gehört zu einer Einheit der Bundeswehr, die 2003 zur ABC-Abwehr nach Kuwait geschickt wird. Sein Auftrag: Er soll die Bevölkerung vor Angriffen mit Massenvernichtungswaffen schützen. Er und seine Kameraden werden mit Raketen beschossen, er leidet unter Todesängsten. Als er zurückkehrt, wird auch er krank. Der nächste Kampf beginnt, der um die Anerkennung der Krankheit und Unterstützung durch die Bundeswehr. Er geht über Jahre und treibt ihn fast in den Selbstmord. Anders Günter Lucks . Er hat als 16-Jähriger bei Kriegsende für die Waffen SS an der Ostfront gekämpft, hat als Scharfschütze russische Soldaten erschossen, wird selbst schwer verwundet und landet nach einer wochenlangen Odyssee als Kriegsgefangener in Russland. Hunger, harte Arbeit und Krankheiten prägen seine ersten Jahre in der Gefangenschaft. Doch dann bessern sich die Verhältnisse: Er kommt ins Lager Toschino bei Moskau, lernt russisch, freundet sich mit Wachsoldaten an – und lernt seine erste große Liebe kennen. Nach fast fünf Jahren Kriegsgefangenschaft kehrt er krank in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Er verdrängt seine Vergangenheit, betäubt sich mit Alkohol. Erst Jahrzehnte später kann er über seine traumatischen Erlebnisse reden. Heiko B. (Name geändert) hingegen scheinen seine schlimmen Kriegserlebnisse, die er in Afghanistan gemacht hat, überhaupt nicht zu belasten – aber vergessen wird er sie nie. Das haben er und alle anderen Krieger in der Dokumentation gemeinsam.

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