Neue Heimat Almanya?

Vier türkische Gastarbeiterfamilien, gefangen zwischen zwei Welten. Sie leben und sterben in Deutschland. Sie sind dennoch keine Deutschen geworden, aber auch nicht mehr Türken geblieben.

Am 30. Oktober 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterschrieben. Oguz, Hasan, Sefika und Emine sind vier von über 900 000 Türk*innen, die kamen, um wieder zu gehen. Doch sie sind geblieben. Ihre alte Heimat haben sie verloren, eine neue nie gefunden.

Die Filmemacherin Candan Six-Sasmaz ist die Tochter eines türkischen Gastarbeiters. Am Beispiel ihrer Familie erzählt sie eine typische Migrationsgeschichte. Ihr Vater Oguz hat in vier Schichten in der Fabrik gearbeitet, damit seine drei Töchter es besser haben als er. Dafür hat er emsig gespart und gut investiert. Inzwischen ist er Rentner und verbringt die Hälfte des Jahres in der Arbeiterstadt Neumünster, die andere Hälfte in seiner sonnigen Geburtsstadt in Antalya. Nach drei Tagen in der Heimat kommt der Deutsche im Türken Oguz Sasmaz heraus. Ihm fehlen die deutsche Ordnung und Pünktlichkeit. Oft sitzt er beim Bürgermeister und beschwert sich. Seine Frau Ümmü weiß, dass sie nicht nur in Deutschland Fremde sind, sie haben sich auch von der Türkei entfremdet, sind auch dort zu „den anderen“ geworden.

Hasan Özcan kam als 18-Jähriger nach Oberndorf und ist geblieben. Heute lebt er mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln in der Waffenstadt am Neckar. Die Familie hat es geschafft, Teil der Gemeinde zu werden. Sie haben sich integriert, ohne ihre türkische Identität zu verlieren. Die Öcalans sind stolze Türken und noch stolzere Schwaben. Doch tief in ihrem Herzen gibt es eine Sehnsucht, die niemals kleiner wird.

Genau an dem Tag, an dem seine Großeltern vor 51 Jahren als Gastarbeiter nach Köln kamen, heiratet der türkeistämmige Kerem Keskinler seine Larissa in einem romantischen Schloss. Seine Oma Sefika freut sich über eine deutsche Schwiegertochter. Und Larissas Großeltern über einen Schwiegersohn, dessen Vorfahren aus dem Land kommen, dass sie lieben gelernt haben als sie Ende der 70er Jahre als Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Ankara waren.

Emine Gürbüz kam 1965 allein als Gastarbeiterin von Izmir nach Wuppertal, wo sie als Näherin tätig war. Sie hat nie geheiratet und immer davon geträumt, eines Tages in die Türkei zurückzukehren. Heute ist es so weit: Emine Gürbüz tritt die Reise in die Türkei an. Nicht mit dem Holzkoffer, mit dem sie ankam, sondern in einem Holzsarg, in den ihr Leichnam gebettet ist, um in der heimatlichen Erde von Izmir begraben zu werden.

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