Von Türken zu Almans

Vor 60 Jahren holten wir türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Gemeinsam schafften wir das Wirtschaftswunder. Wie ist das Zusammenleben heute? Sind wir Freunde oder immer noch Fremde?

Ramadangebet im Kölner Dom, muttersprachliche ‚Türkenklassen‘ für Gastarbeiterkinder, Bananen-Muz und warum gut ausgebildete Deutsch-Türken auswandern, während wir dringend Fachkräfte brauchen. Ein Resümee nach 60 Jahren – so ganz ehrlich, mit dem Herzen auf der Zunge.

Am Anfang wussten die Deutschen fast nichts über die türkischen Gastarbeiter, die in ihr Land kamen, die Türken genauso wenig über die Deutschen, die ihre Chefs und Arbeitskollegen waren. Hasan Özen und Aydin Fidan erinnern sich an die erste Zeit als Gastarbeiter, als sie noch dachten, die Deutschen würden ihnen bei jeder Gelegenheit Schweinefleisch unterschieben und dass man sich an Sitztoiletten nie gewöhnen könne.

Die Türken sollten arbeiten und dann auch wieder gehen. Möglichst bald. Deswegen gab es etwa in Bayern sogenannte muttersprachliche Klassen, in denen die Gastarbeiterkinder von türkischen Lehrern unterrichtet wurden. Integrationsfördernd war das kaum. Ehemalige Schüler wie Ayse Berber sagen: „die Kohl Regierung hat uns das Leben versaut.“

Waren die türkischen Gastarbeiter erst willkommene Arbeitskräfte, die schwer anpacken konnten für wenig Geld, schlug in den 90er Jahren die Stimmung um. Die Hip-Hop-Formation Cartel war die Stimme der Türken, als in den rechtsextremen Angriffen von Mölln und Solingen zwei Frauen und sechs Mädchen starben.

Die türkischen Gastarbeiter träumten von einer Rückkehr in die Heimat – und blieben. Ihre Enkel, jung, gut ausgebildet und in Deutschland geboren wandern aus, in die Türkei, wo sich ihnen als ‚Deutschländer‘ steile Karrierechancen bieten.

Dafür suchen wir in Deutschland händeringend nach Fachkräften, etwa in der Pflege. Und werben dafür auch wieder in der Türkei an. Dieses Mal von Anfang an mit ‚Bleibeperspektive‘. Das macht auch Sinn, da unsere deutsche Gesellschaft zunehmend altert.

Lange Zeit beharrte Deutschland darauf: „wir sind kein Einwanderungsland“. Das hat sich inzwischen (meist) geändert. Die Datteltäter, eine preisgekrönte Comedygruppe von jungen Muslimen, fragen: wann hört Integration eigentlich auf? Oder andersherum: wer will eigentlich Deutscher sein, wenn man Deutsch-Türke sein kann? Immerhin nennt sich der typische deutsche Teenager heute Alman, hört Mero und Ceza, am liebsten auf Türkisch. Der türkische Teenager nennt sich auch Alman und ist froh, dass er zwei Nationalmannschaften anfeuern kann, für den Fall, dass eine es nicht bringt.

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